MFA in der Corona-Krise: Jetzt sprechen wir!

Sehr geehrte Patientinnen und Patienten!
Die Corona-Pandemie ist für uns alle  -auch im Hinblick auf die anstehende Advents- und Weihnachtszeit- nicht leicht. Daher möchte ich wegen der vielen Gemeinsamkeiten ein Interview aus unserer Fachpresse, in der ein Praxismitarbeiter zu Wort kommt, zum besseren Verständnis in der Originalversion darstellen:


„Ab einem gewissen Punkt ist's auch bei mir mit der Freundlichkeit vorbei“


Sie sind sozusagen der Prellbock in einer Arztpraxis: Medizinische Fachangestellte (MFA) kriegen Beschwerden, Wut und Aggressionen von Patienten meist als erste ab. In Zeiten der Corona-Pandemie hat sich dieses Problem noch einmal verstärkt, zeigen Erfahrungsberichte. Wir wollen hier in nächster Zeit einige MFA zu Wort kommen lassen. Heute berichtet der 27-jährige Bastian Thumser, der in einer internistischen Praxis in Unterfranken arbeitet.

Thumser wünscht sich von der Politik mehr Wertschätzung für seinen Berufsstand – auch finanziell.

       

Herr Thumser, Medizinische Fachangestellte stehen in den Arztpraxen seit jeher an vorderster Front und bekommen Patientenbeschwerden meist volle Breitseite ab. Inwieweit hat sich das jetzt, in der Pandemie-Zeit, noch einmal verschlimmert?

Es ist definitiv schlimmer geworden. Es fängt schon damit an, dass wir gerade nur eine bestimmte Anzahl an Patienten in die Praxisräume lassen dürfen. Wenn unser Wartezimmer voll ist, müssen die Patienten vor der Tür warten. Gerade jetzt bei der herbstlichen Witterung haben viele natürlich kein Verständnis dafür, kommen trotzdem eine halbe Stunde vor Termin und denken, sie könnten sich dann noch ins Wartezimmer setzen. Die Patienten kommen teilweise auch ohne Maske oder setzen diese nicht richtig auf. Das alles führt dann zu oftmals unangenehmen Diskussionen.

Ein weiteres Problem: Telefonisch sind wir im Moment relativ schwierig zu erreichen. Und die Terminvergabe dauert zurzeit auch länger, weil wir genau gucken müssen, wie dringend eine Untersuchung ist, wie viel Zeit wir dafür einplanen müssen, wo sie stattfinden kann und ob wir vorher noch einen Corona-Abstrich beim Patienten machen müssen. Denn bei Untersuchungen, die nur ohne Schutzmaske durchgeführt werden können, müssen wir sicher sein, dass der Patient nicht mit Corona infiziert ist. Da bestehen wir auf ein negatives Testergebnis, das nicht älter sein darf als fünf Tage. Und dafür haben dann viele auch wieder kein Verständnis.
 

Über was beschweren sich die Patienten denn noch?

Ein ganz großes Ärgernis ist für viele die Wartezeit auf einen Termin. Es gibt gewisse Untersuchungen, für die haben wir jetzt einfach erst wieder im April Termine, weil wir es zeitlich aufgrund der ganzen Erschwernisse durch die Pandemie einfach nicht anders organisieren können. Ein weiteres rotes Tuch ist – wie schon erwähnt – für viele Patienten der Corona-Abstrich. Da bekommen wir dann oft zu hören: „Ja aber bei anderen Ärzten brauchte ich den auch nicht!“

Hinzu kommt, dass wir die Abstriche in unserer Praxis nur noch einmal in der Woche zu einer bestimmten Zeit machen, weil wir es anders personell nicht stemmen können. Wer den Abstrich an einem anderen Tag machen lassen möchte, muss in unser 30 Kilometer entferntes MVZ-Haupthaus fahren. Auch dafür haben viele Patienten kein Verständnis.
 

Werden Patienten auch gewalttätig? Oder drückt sich ihre Aggression hauptsächlich in Beschimpfungen aus?


Es ist vor allem die verbale Aggression, die da auf uns einprasselt. Damit komme ich persönlich noch relativ gut klar. Natürlich ist irgendwann auch bei mir ein Punkt erreicht, an dem ich sage: Bis hierher und nicht weiter! Gerade auch, wenn es um müßige Diskussionen geht, zum Beispiel: „Warum darf jetzt meine Begleitperson nicht mit rein und die Begleitperson von dem anderen Patienten da aber schon?“ Wir müssen gucken, dass wir trotz allem deeskalierend arbeiten, was aber nicht immer funktioniert.
 

Was drohen die Patienten Ihnen denn so an?

Meistens geht es da um irgendwelche Klagen wegen angeblich unterlassener Hilfeleistung, wenn wir zum Beispiel Termine erst für einen späteren Zeitpunkt vergeben können. Ich antworte dann mittlerweile nur noch: „Viel Spaß beim Verklagen!“ – und erwähne noch mal extra meinen Namen.
 

Was machen diese täglichen Angriffe, denen Sie ausgesetzt sind, mit Ihrem Befinden, mit Ihrer Psyche?

Also ich erreiche im Moment eigentlich mehrfach täglich den Punkt, an dem bei mir sozusagen das Fass überläuft. Ich versuche dann, mich für eine kurze Zeit von der Arbeit am Empfangstresen zurückzuziehen und mich anderen Aufgaben zu widmen. Ich brauche dann einfach ein paar Minuten für mich, um runterzukommen. Funktioniert leider nicht immer, weil ja alles weiterläuft und ich die Kollegen auch nicht lange im Stich lassen möchte. Ich kann bestimmt einiges wegstecken. Aber wenn dieser gewisse Punkt einmal überschritten ist, dann war’s das auch bei mir mit der Freundlichkeit, mit dem Verständnis und mit den Erklärungen. Dann werde ich auch mal lauter.
 

Abgesehen von der größeren Anzahl an Patientenbeschwerden: Wie hat die Corona-Krise Ihre Arbeit noch erschwert?

Da sind zum Beispiel die ständigen Änderungen bei der Abrechnung in Sachen Corona-Abstrich. Ständig gibt es neue Formulare, neue Codierungen und neue Vorgaben. Was heute gilt, ist morgen schon veraltet. Wenn man dann das Gefühl hat, da endlich einigermaßen durchzublicken und auch die Kollegen entsprechend instruiert hat, kommt schon wieder die nächste Änderung. Und dann bekommen wir die Infos dazu auch nicht immer rechtzeitig. Oder etwas ändert sich rückwirkend.

Für unsere Praxis kommt noch erschwerend hinzu, dass wir uns nahe der Grenze zu Thüringen befinden und auch Patienten von dort behandeln. Für die gelten bei den Corona-Tests dann aber wieder andere Regeln als für die Patienten in Bayern. Da wird es dann besonders kompliziert mit der Abrechnung. Es ist verdammt schwierig, da noch den Überblick zu behalten, nebenbei noch den normalen Praxisalltag am Laufen zu halten und dann gegebenenfalls noch zu gucken, wo man Handschuhe, Desinfektionsmittel und anderes Schutzmaterial zu einem vernünftigen Preis herbekommt.  
 

Mit einer 38-Stunden-Woche ist es in diesen Zeiten wahrscheinlich nicht getan, oder?

Definitiv nicht. Laut Vertrag habe ich zwar eine Vollzeit-Stelle mit 38,5 Stunden. Aber da komme ich zurzeit auf jeden Fall drüber. Was ich auf der Arbeit, also in der Praxis, nicht schaffe, nehme ich mit nach Hause – also gerade was die sich ständig ändernden Vorgaben angeht. Das arbeite ich dann zuhause durch.  
 

Für AltenpflegerInnen und auch bestimmte PflegerInnen in den Kliniken ist eine Corona-Prämie vorgesehen, für MFA bislang nicht. Finden Sie das ungerecht?

Es ist wirklich eine Ohrfeige für uns MFA. Mit dem ambulanten Sektor steht und fällt der stationäre Sektor. Wir filtern schon die ganze Zeit die Patienten, entscheiden, wer ins Krankenhaus muss und wer nicht. Wir halten den Kliniken die Betten frei. Momentan ist es noch so, dass 19 von 20 Covid-19-Patienten ambulant behandelt werden und nicht stationär. Aber es wird einfach nicht honoriert.
 

Haben Sie Hoffnung, dass da noch was kommt aus der Politik?

Ich hoffe doch sehr! Ich wünsche mir zumindest, dass wir da eine entsprechende Wertschätzung bekommen, auch finanziell. Wir haben zum Beispiel vom Verband medizinischer Fachberufe aus etliche Briefe an Politiker verschickt. Die wenigsten aber haben geantwortet. Und wenn, dann waren das so Standard-Antworten mit der Botschaft: „Alle haben es momentan schwer…“
 

Zurzeit laufen die Tarifverhandlungen für ihre Berufsgruppe. Was wünschen Sie sich als Ergebnis?

Ich persönlich erhoffe mir, dass endlich mal ein Zeichen gesetzt wird. Dass wir auch finanziell die Wertschätzung bekommen, die wir bräuchten. Ich hoffe zum Beispiel inständig, dass wir auch mal einen Rentenpunkt erwirtschaften können von unserem Gehalt. Das tun wir nämlich momentan noch immer nicht.

Und ich wünsche mir, dass wir MFA uns von unserem Gehalt auch als Alleinstehender oder Alleinerziehender ein paar schöne Dinge im Leben gönnen könnten, neben Wohnung, Miete, Auto, Lebensunterhalt auch ein bisschen Luxus, ohne gleich auf eine andere Person angewiesen zu sein. Viele Kolleginnen und Kollegen werden leider immer noch unter Tarif bezahlt. Da wird es dann schon schwierig mit Wohnung, Auto und Lebensunterhalt. Wenn dann noch ein Kind zu versorgen ist, wird es natürlich noch schwieriger. Man kommt irgendwie über die Runden, aber schön ist was anderes. Ein höheres Gehalt würde auch den Beruf der MFA wieder attraktiver machen und es würden dann vielleicht auch nicht mehr so viele Kolleginnen und Kollegen in die Kliniken abwandern.  

Zur Person

Bastian Thumser (27) ist seit 2015 ausgelernter Medizinischer Fachangestellter. Er arbeitet in einer internistischen MVZ-Praxis (Schwerpunkt Gastroenterologie und gastroenterologische Onkologie) im Landkreis Haßberge in Unterfranken (Bayern). Er ist außerdem Bezirksstellenleiter des Verbandes medizinischer Fachberufe in Bamberg.




Kontakt:
www.praxis-ulrich-tinnefeld.de

Email:

kontakt@praxis-ulrich-tinnefeld.de

Tel. 0209/55487

Fax: 0209/55491

Sprechzeiten:

Mo bis Fr: 8.00 bis 10.30 Uhr

Mo, Di, Do: 15.00  bis 17.00 Uhr

und nach Terminvereinbarung

Notfallbereitschaft:

Mo, Di, Do 8 bis 18 Uhr

Mi und Fr 8 bis 12 Uhr:

Dr. Ulrich Tinnefeld:

0177-2436447

 

Außerhalb der Sprechzeiten und Notfallbereitschaft:

siehe Info zum Notfalldienst

 

 

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